Taktiler Rundgang
Sachsens Archäologiemuseum in Chemnitz erweitert taktilen Rundgang
Der taktile Rundgang für blinde und sehbehinderte Menschen ist nun komplett: Im smac – kurz für Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz – können ab jetzt nicht nur die archäologische Dauerausstellung,
sondern auch die Ausstellungsbereiche zur Geschichte des Museumsgebäudes – dem ehemaligen Kaufhaus Schocken – wahrgenommen werden.
Der Rundgang umfasst ein taktiles Bodenleitsystem, einen Audioguide mit insgesamt 23 Hörstationen sowie 34 3D- und 2D-Tastobjekte, verteilt auf drei Etagen. Objektkennungen und Hörstationsnummern sind sowohl in Profil- als auch Punkt-(Braille-)schrift ertastbar.
Der taktile Rundgang in den Erkerausstellungen
Neben der Dauerausstellung zur Archäologie in Sachsen widmet das smac drei weitere Bereiche der bewegten deutsch-jüdischen Geschichte seines Museumsgebäudes, dem ehemaligen Kaufhaus Schocken. Da sich diese Bereiche hinter der Vorhangfassade entlang der Fensterbänder des Hauses befinden, bezeichnet das smac sie auch als Erkerausstellungen.
Erich Mendelsohn in der 1. Etage
Der berühmte Architekt entwarf und plante zwischen 1927 und 1929 das ikonische Kaufhaus in der Chemnitzer Innenstadt. Sieben der 17 Architekturmodelle stehen nun als 3D-Drucke auf angeschrägten Trägerplatten entlang des taktilen Bodenleitsystems, darunter der Einsteinturm in Potsdam, das 1960 abgerissene Schocken-Kaufhaus in Stuttgart und die Parksynagoge in Cleveland/Ohio.

Sie illustrieren die künstlerische Entwicklung des Architekten. Neben dem Modell des Einsteinturms ertasten blinde und sehbehinderte Menschen auch eine Schellack-Schallplatte und das Reliefbild der Entwurfsskizze dieses Gebäudes. Der Audioguide erzählt zu dieser Station, dass Erich Mendelsohn bei der Arbeit gerne Kompositionen von Johann Sebastian Bach hörte, musikalisch wird dies unterlegt mit dessen Toccata D-Dur.
Kaufhauskonzern Schocken in der 2. Etage
Der Konzern mit Zentrale in Zwickau entwickelte sich von 1907 bis in die frühen 1930er Jahre zur viertgrößten Warenhauskette in Deutschland. Kennzeichnend für den Schocken-Konzern sind die modernen Ansätze der Personalführung, der Werbung und des Warensortiments.
Zu ertasten sind hier unter anderem das Architekturmodell des Chemnitzer Kaufhauses Schocken, ein originaler Fenstergriff aus den 1930er Jahren sowie eine taktile Karte des Freistaats Sachsen, auf der die weiteren Schocken-Warenhäuser verortet sind. Die Welt des Personals veranschaulicht die reliefierte Umsetzung des Fotos eines Verkaufstresens mit Verkäuferin.
Abschließend geht eine Taststation mit Logos auf den zum Teil erzwungenen Wechsel der Firmenzugehörigkeit des Unternehmens zur Merkur AG, Konsum, HO, Centrum Warenhaus, Kaufhof und schließlich zum smac ein.
Salman Schocken in der 3. Etage
Der Kaufmann und Mitbegründer des Schocken-Konzerns wird in diesem Ausstellungsbereich als leidenschaftlicher Sammler von Büchern und als Verleger deutscher und jüdischer Literatur vorgestellt.
Ertastbar ist hier zum Beispiel die Unterschrift von Salman Schockens Lieblingsautor Johann Wolfgang von Goethe, 
eine Landkarte mit Schockens Lebensstationen bis 1934 sowie die Umrisse von Palästina, wohin er 1934 auswanderte. In Jerusalem ließ er von Erich Mendelsohn die Schocken Bibliothek erbauen, die als 3D-Druck im Rundgang integriert ist.
In Palästina gründete Salman Schocken nicht nur einen Verlag sondern widmete sich auch explizit der Typografie. Er ließ die Schocken-Baruch-Schrift entwickeln, eine moderne hebräische Letter. Deren Design kann am Ende des Ausstellungsbereichs ertastet werden.
Orientierung für blinde und sehbehinderte Menschen
Ab seinen beiden Eingängen ist das smac vollumfänglich mit einem taktilen Bodenleitsystem versehen. Es führt zur Kasse, wo man seinen kostenfreien Audioguide erhält, dann zu den Fahrstühlen, zu taktilen Übersichtsplänen und von dort aus durch die Ausstellungen.
Abzweig- und Aufmerksamkeitsfelder mit dichten Noppen im Bodenleitsystem zeigen einen Richtungswechsel an und machen auf Taststationen aufmerksam.
Die speziellen Audioguidegeräte – sogenannte Simple-Guides – haben mittig im Nummernfeld einen Orientierungsnoppen, der die Eingabe der Stationsnummern erleichtert. Die Hörspur erläutert nicht nur stimmungsvoll mit Zitaten und untermalender Musik die Ausstellung, sondern gibt auch Hinweise zur Laufrichtung und zur Anzahl der Taststationen. Stockhalterungen finden sich an jeder Taststation an der Vorderkante rechts.
Ein Museum mit Haltung
„Nur wenige Museen in Deutschland nehmen Barrierefreiheit und Inklusion so ernst wie wir im smac“, erläutert Direktorin Dr. Sabine Wolfram. „Zusammen mit einer Prüfgruppe blinder und sehbehinderter Menschen haben wir den taktilen Rundgang entwickelt. Gemeinsam haben wir ausgewählt, welche Exponate als Tastobjekte umgesetzt werden. Auch haben wir uns beraten lassen, wie die Orientierung über den Audioguide erfolgen sollte.
Begonnen haben wir mit der Umsetzung barrierefreier Maßnahmen im Jahr 2017 in unserer archäologischen Dauerausstellung. Sukzessive hat sich unser Angebot erweitert. Seit 2019 implementieren wir auch in nahezu jeder Sonderausstellung Texte in Gebärdensprache und Leichter Sprache und seit 2021 auch einen taktilen Rundgang. Unser Ziel, ein ‚Museum für Alle‘ zu sein, ist fast erreicht.“
Fotos:
Beitragsbild und Bild 3:
Schellack-Schallplatte, reliefierte Entwurfsskizze und das Tastmodell des Einsteinturms: Der Architekt Erich Mendelsohn hörte gerne Musik bei der Arbeit.
© LfA Sachsen/smac, Annelie Blasko
Bild 1:
Die Schocken-Villa in Jerusalem ist nach den Plänen von Erich Mendelsohn erbaut. Vorne das Tastmodell, in der Vitrine dahinter das Architekturmodell im Maßstab 1:50.
© LfA Sachsen/smac, Jutta Boehme
Bild 2:
Erich Mendelsohns erstes Projekt in den USA: die 1952 eröffnete Parksynagoge in Cleveland/Ohio. Er zeichnete für den Entwurf, den Bau und die Ausstattung verantwortlich.
© LfA Sachsen/smac, Jutta Boehme
Bild 4:
Verkaufstresen in 2D.
© LfA Sachsen/smac, Annelie Blasko
Bild 5:
Die Unterschrift von Salman Schockens Lieblingsautor in 2D: Johann Wolfgang von Goehte.
© LfA Sachsen/smac, Laura Frenzel
Bild 6:
Im palästinensischen Exil gab Salman Schocken eine moderne Typographie der hebräischen Buchstaben bei Franziska Baruch in Auftrag.
© LfA Sachsen/smac, Laura Frenzel
Adresse:
smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
Stefan-Heym-Platz 1
09111 Chemnitz
Telefon: 0371/9119990
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.smac.sachsen.de
Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch, Freitag: 9 bis 17 Uhr
Donnerstag: 9 bis 20 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertage: 10 bis 18 Uhr
Eintrittspreise:
Regulär: 8 Euro
Ermäßigt: 5 Euro
Familien: 12 Euro
Kinder: freier Eintritt


